Morgens aus dem Haus gehen, der Zweifel ist bereits gesät, in der Nacht nahe einer Katastrophe. Erstmal Konzentration aufs Wesentliche, die richtige Bahn nehmen, die Blicke anderer Leute meiden, Zeitung auf dem kleinen Display des Telefons lesen, Musik läuft auf den Kopfhörern. Nebenher die herannahenden dunklen Wolken ignorieren, man kann nicht mehr viel machen, Manches passiert einfach so. Und wenn man mag, kann man das dann dem Schicksal in die Schuhe schieben, eine Handvoll Götter oder meinetwegen auch Karma dafür verantwortlich machen. Konzepte, die einem mögliche Erklärungsansätze bieten und die Hand reichen, damit man nicht ganz so tief fällt oder wenigstens etwas hat, nach dem man greifen kann. Für mich fällt so etwas eher aus.
Der Versuch, dem Tagwerk nachzugehen, als wäre nichts. Mails schreiben und Diskussionen führen, sich ablenken. Im Hintergrund ein Brennen und Ziehen in der Magengegend, ein bereits bekanntes Gefühl des nahenden Untergangs, die immer gleichen Prozesse, wenn einen die Angst übermannt und die Kontrolle übernimmt. Das Gefühl ist leider schon bekannt.
Einen privaten Anruf später werden alle dunklen Befürchtungen plötzlich real und für einen kurzen Augenblick bleibt die Luft weg, die Zeit scheint still zu stehen und in diesem einen Moment schaut man dann direkt in den Abgrund, dem man doch aus dem Weg gehen wollte und der alles, nur nicht real sein sollte. Und plötzlich steht man vor der Wahl: Fallen oder Fliegen. In den Abgrund hinein oder darüber hinweg. Eins von beidem geht nur. Und so beginnt der Kampf.
Am Abend kehrt dann Ruhe ein. Und was zwischenzeitlich noch undenkbar war, ist plötzlich wieder da: So etwas wie Normalität. Nicht durchgängig, aber doch ist sie da. Natürlich ist es eine andere Normalität, eine verbogene, verbeulte. Eine neue Normalität. Eine Normalität, die man erreicht, wenn man fliegt ohne zu fallen. Denn schafft man es, dabei nicht in den Abgrund zu fallen, überlebt man, irgendwie, mit Schrammen, Kratzern, Beulen und am auch Narben, die einen immer wieder an den Abgrund erinnern werden, aber man ist noch da, weder gefallen noch verloren. Und macht dann weiter, bis zum nächsten Mal.